Spondyloarthriden von Uwe Möllenkamp, Facharzt für Orthopädie
Spondyloarthriden - Allgemeine Übersicht: Die "Spondyloarthriden" beinhalten für den Orthopäden eine spezielle Gruppe von Rheuma-Erkrankungen:
Diagnostik der Spondyloarthriden: Die wachsende Zunahme von Rückenschmerz-Patienten könnte man mit einer Epidemie vergleichen. Die verschiedenen Ursachen des Rückenschmerzes gilt es zu klären. Dieses ist um so wichtiger, weil wir häufig zwei oder mehr Gründe (Diagnosen) bei einem Patienten für dessen Rückenschmerzen finden. Beim Rückenschmerz vom entzündlichen Typ ist als mögliche Ursache eine Form der Spondyloarthriden zu diskutieren. Da ca. 70 % der Bevölkerung mehr oder weniger über Rückenschmerzen klagen, ist es häufig nicht leicht, diejenigen mit Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) sowie andere, meist milder verlaufende Spondyloarthriden zu erfassen. Die Spondyloarthriden weisen eine familiäre Häufung auf. Häufig findet man bei diesen Erkrankungen das aus dem Blut bestimmbare HLA-B27-Gen. Das deutliche Betroffensein männlicher Patienten bis zu 90% gilt ausschließlich für die Spondylitis ankylosans. Das Vorliegen eines typischen Röntgenbefundes im Bereich der Kreuzbeinfugen am knöchernen Becken sowie der positive Nachweis des Erbmerkmales HLA-B27 in bis zu 95% der Fälle sind ebenfalls ausschließlich hilfreiche Informationen für die Diagnostik der Spondylitis ankylosans Andere im Labor-Test bestimmbare Entzündungszeichen können bei Spondyloarthriden, trotz Wirbelsäulen- oder Gelenkschmerzen, fehlen. Der Verdacht auf Spondyloarthriden ergibt vor allem durch das, was der Patient spürt, der Arzt erfragen kann und bei der Untersuchung feststellt. Das Vorliegen einer Morgensteifigkeitsdauer in der Wirbelsäule von mehr als 30 Minuten gilt als gutes Unterscheidungsmerkmal zwischen dem entzündlichen und dem degenerativen (Verschleiß) Rückenschmerz. Die morgendliche Wirbelsäulensteifigkeit spiegelt anhand der Dauer die vorliegende klinische Krankheitsaktivität der Spondyloarthriden wieder. Der Wirbelsäulenschmerz, der durch Spondyloarthriden ausgelöst wird, spricht besonders positiv auf Bewegung an. Dagegen erfahren sowohl der Bandscheiben- als auch der Osteoporose-Patient sowie Patienten mit anderen Wirbelsäulen-Erkrankungen im akuten Stadium durch Bewegung häufig eine Schmerzzunahme und suchen deshalb Entlastungspositionen auf. Auch wenn Patienten mit Spondyloarthriden über ab und zu auftretende tiefsitzende Rückenschmerzen als "Hexenschuss" berichten, so wird charakteristischerweise der Beginn der Rückenschmerzen als schleichend beschrieben. Spondyloarthriden - Hauptmerkmale sind:
Wirbelsäulenschmerzen Spondyloarthriden - Therapie - Rehabilitation: Zwei Therapiesäulen: 1. Therapiesäule: Physikalische Therapie und Krankengymnastik sind die Schwerpunkte geeigneter Therapie.
Manual-therapeutische Maßnahmen im Bereich der Ileosakralgelenke oder eine
Manipulation an der Wirbelsäule sollten bei Spondyloarthriden zurückhaltend
eingesetzt werden. In den meisten Fällen keine Manipulation der Kreuz-Darmbein-Gelenke! Therapieprinzip: Aufrichtung vor Rotation Patienten mit Spondyloarthriden profitieren häufig von Extensionsbehandlungen. Es wurden aber auch gute Erfahrungen mit neurophysiologischen Techniken wie der Propriozeptiven Neuromuskulären Faszilitation (PNF) und der Feldenkrais-Therapie gemacht. Als weitere physikalische Therapiemaßnahmen kommen bei Spondyloarthriden -Patienten gezielte Kälteanwendungen, Ganzkörper-Wärmeanwendungen, Stangerbäder und Interferenzsromanwendungen zur Anwendung. 2.
Therapiesäule: Zum einen können sogenannte Schmerzmedikamente (zum Beispiel Nicht-Steroidale-Antirheumatika (NSAR) als Bedarfsmedikation bei Schmerzschüben eingesetzt werden. Eine regelmäßige Einnahme von NSAR muss ärztlicherseits hinsichtlich möglicher auftretender Nebenwirkungen begleitet werden. Als so genannte Basisherapeutika stehen zum Beispiel Präparate wie Sulfasalazin (Azulfidine RA®), Zytostatika (zum Beispiel Methotrexat®) oder Immunsuppressiva (zum Beispiel Cyclosporn (Sandimmun Optoral®)) zur Verfügung. Da bis zu 70% der betroffenen Patienten keine labor-chemischen Entzündungszeichen wie eine Blutsenkungsbeschleunigung oder eine Erhöhung des Entzündungseiweißes C-reaktives Protein aufweisen, basieren die jeweiligen Therapieentscheidungen überwiegend auf den klinischen Symptomen wie zum Beispiel dem Schmerzprofil und den festgestellten Funktionseinschränkungen im zeitlichen Verlauf (Progredienz). Der Einsatz von Sulfasalazin erfolgt seit Mitte der 80er Jahre für die Gruppe der Spondyloarthriden, wobei schwerpunktmäßig Patienten mit einer peripheren schmerzhaften Gelenkentzündung (Arthritis) diese Substanz erhalten. Die anzustrebende Schmerzreduktion bei Spondyloarthriden ist eine wichtige Voraussetzung für die Patienten, um die notwendigen aktiven Bewegungsmaßnahmen durchführen zu können. So wird das Risiko fortschreitender Funktionseinschränkungen an der Wirbelsäule und den Gelenken begrenzt. Spondyloarthriden - Einzelschritte der Therapie Am Anfang des therapeutischen Vorgehens stehen schwerpunktmäßig physikalische Therapiemaßnahmen, die durch eigene Aktivitäten wie regelmäßiges Schwimmen, Fahrradfahren, Wandern und zum Beispiel Walking unterstützt werden sollten. Krankengymnastische Bewegungsübungen sind passiven Maßnahmen wie Wärmeanwendungen oder Massagen vorzuziehen. Komplexe physikalische Therapiemaßnahmen unter Berücksichtigung von Krankengymnastik, Wärmeanwendungen in Form von Moor-Packungen und Teilmassagen sind ein hilfreicher Therapieansatz bei ausgeprägterem Rückenschmerz, welcher insbesondere mit Muskelverspannungen einhergeht. Wassergymnastik in der Gruppe wie auch Trockengymnastik in der Gruppe ergänzen die Therapie. Solche Angebote werden auch von Selbsthilfegruppen oder Gesundheitsverbänden angeboten werden. Der Wunsch des Patienten, häufig auf Medikamente verzichten zu wollen, ist bei Spondyloarthriden nicht immer zu erfüllen. Diese Krankheitsgruppe profitiert erheblich von regelmäßiger körperlicher Aktivität, was oftmals nur bei entsprechender Schmerzreduktion durch eine medikamentöse Therapie umzusetzen ist. Inwieweit Medikamente bei Bedarf oder regelmäßig eingesetzt werden, muss mit dem behandelnden Arzt jeweils im Einzelfall entschieden werden. Auch wenn bei Patienten mit Spondyloarthriden oft Nicht-Steroidale Antirheumatika eingesetzt werden, so ist die Aufnahme einer Langzeittherapie mit krankheitsmodulierenden Substanzen, wie zum Beispiel Azathioprin, Methotrexat oder Sandimmun auch in Frühfällen häufig ein sinnvolles Vorgehen. Denn dieser Therapieweg ist mit der Möglichkeit verknüpft, das Kranksein des Patienten langfristig auf eine niedrigere Aktivitätsstufe abzusenken. Die Medikation mit solchen Substanzen sollte in enger Kooperation zwischen Hausarzt und Orthopäden/Rheumatologen abgestimmt und entschieden werden. Neue Therapieansätze bei Spondylarthropathien Große Hoffnung besteht im Einsatz sogenannter TNF-alpha-Blocker. Diese ebenfalls aus der Therapie der rheumatoiden Arthritis stammenden Medikamente (z.Z. Infliximab und Etanercept) haben in ersten Studien Patienten mit M. Bechterew zu einer herausragenden Verbesserung von Schmerzen, Beweglichkeit, Entzündungszeichen und Lebensqualität geführt. Der Grad der Wirksamkeit von TNF-alpha-Blockern bei Morbus Bechterew scheint den bei der rheumatoiden Arthritis sogar zu übertreffen. Auch bei anderen Spondyloarthriden scheinen die TNF-alpha-Blocker höchst wirksame Medikamente zu sein, wie andere Studien aus Belgien und Spanien gezeigt haben. An Nebenwirkungen wurden selten allergische Reaktionen, ein Fall von Lymphknotentuberkulose, ein Fall von allergischer Granulomatose der Lunge und ein Fall mit transienter Leukopenie beobachtet. Insgesamt scheint die Rate an Nebenwirkungen bei SpA-Patienten nicht höher zu sein als bei Patienten mit rheumatoider Arthritis, bei der TNF-alpha-Blocker seit 5 Jahren erfolgreich eingesetzt werden. Die Therapie mit TNF-alpha-Blockern ist teuer und beläuft sich auf € 15.000-25.000 pro Jahr. Eine weitere, vermutlich wirksame Therapie des Morbus Bechterew ist die seit Oktober 2000 erneute Herstellung und Zulassung von Radiumchlorid (224SpondylAT). Diese, in den 50iger und 60iger Jahren als Thorium X applizierte radioaktive Substanz hat bei vielen Patienten zu einer anhaltenden Besserung des Morbus Bechterew bei akzeptabler Strahlenbelastung geführt. In einer Nachbeobachtungsstudie von etwa 1500 Patienten war die Rate an Leukämien mit 0,8% bei den mit Radiumchlorid behandelten Patienten nur geringfügig höher als die Leukämierate (0,5%) von nicht mit Radiumchlorid behandelten Patienten. Derzeit wird die Therapie mit Radiumchlorid nur bei schweren Verlaufsformen des Morbus Bechterew mit Beteiligung der Wirbelsäule und bei Versagen anderer Therapien empfohlen. Die Behandlung erfolgt durch 10 wöchentlich von einem Nuklearmediziner verabreichten intravenösen Injektionen. Der endgültige Stellenwert dieser Therapie muss in künftigen Studien noch überprüft werden.
Mit den besten Wünschen für Ihre
Gesundheit!
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